
Eine Frau, die bei jedem unerwarteten Anruf zusammenzuckt, unterscheidet sich von einer, die einfach ruhig stehen bleibt. Ich stelle mir diese Frage öfter, als mir lieb ist, wenn ich in meiner esoterischen Buchhandlung Sternwanderer in München-Haidhausen beobachte, wie unterschiedlich Kundinnen auf Druck reagieren. Drachenenergie – ein Begriff, den die meisten nur aus Fantasy-Romanen kennen – taucht in den Channeling-Kursen, die ich für meinen Vergleich getestet habe, immer wieder als Werkzeug für genau diese Art von Erdung im Alltag auf. Eine endgültige Antwort auf meine Frage habe ich bis heute nicht, aber inzwischen eine ziemlich klare Ahnung.
Bevor ich mit den drei Kursmodulen anfing, die ich zwischen 2023 und 2026 für meinen Vergleich getestet habe, hatte ich mich lange allein durch Channeling-Bücher gearbeitet – ohne Anleitung, ohne festen Rhythmus, ohne jemanden, der eine Rückfrage hätte beantworten können. Das Wissen blieb papieren und half mir in hektischen Momenten hinter der Kasse herzlich wenig. Neben der Kasse liegt bis heute ein Notizheft, in dem festgehalten ist, was in der Theorie gut klang und was in der täglichen Meditationspraxis zwischen Kassenbon und Kundengespräch tatsächlich trug.
Unruhe kommt vor der Ruhe
Die meisten Ratgeber predigen, man müsse erst zur Ruhe kommen, bevor sich etwas erden lässt. Meine Erfahrung aus den Kursmodulen – sie laufen im Schnitt über etwa 12 Wochen und liegen preislich zwischen 350 und 500 Euro – zeigt mir etwas anderes: Drachenenergie provoziert die innere Unruhe oft bewusst, bevor sie sich legt. In der fünf Elemente-Lehre wird das Element Feuer selten mit Stillstand in Verbindung gebracht, und genau diese unbändige, wenig gefällige Seite nutzen die Übungen, um festgefahrene Muster überhaupt erst in Bewegung zu bringen.

Während draußen die Tram vorbeirumpelte, konzentrierte ich mich in einer ruhigen Minute auf die Visualisierung des roten Drachen. Ein Effekt, den ich nicht erwartet hatte, stellte sich ein: ein deutliches Gefühl von Schwere in den Fersen, so als würde der Boden unter mir spürbar nachgeben. Kein sanftes Wegdriften, eher das Gegenteil – ein Ankommen mit Gewicht.
Heidemaries Misstrauen an einem Freitagnachmittag
Freitags kommt Heidemarie Pöltl fast immer vorbei, meist kurz nach der Mittagszeit. Sie ist frühere Krankenschwester und inzwischen im Ruhestand, hört sich aber seit Jahren meine Kurserfahrungen an, bevor sie selbst etwas kauft. 'Zeig mir, dass da wirklich Leute mitgemacht haben, und keine gestellten Erfolgsgeschichten', sagte sie neulich, als ich ihr von einem der Drachenenergie-Module erzählte. Diese Skepsis teile ich inzwischen. Kurse, die rein auf aufgezeichnete Videos setzen, wirken auf mich oft dünn – der energetische Austausch fehlt, und genau den brauchen viele Teilnehmerinnen, um dranzubleiben.
Vier Himmelsrichtungen im Drei-Minuten-Takt üben
Wenn der Laden voll ist und Lieferungen unregelmäßig eintreffen, nutze ich die 'Vier-Himmelsrichtungen-Zentrierung'. In vielen Drachen-Traditionen dienen die vier Himmelsrichtungen dazu, einen energetischen Raum aufzuspannen. Ich stelle mich für drei Minuten hinter die Kasse, schließe die Augen und stelle mir vier Wächter an den Grenzen des Ladens vor. Das klingt größer, als es ist – im Kern ist es reine Aufmerksamkeitslenkung, die die Energie aus dem Kopf zurück in den Körper zieht. Wer das täglich 15 bis 20 Minuten übt, und zwar über mindestens vier Monate hinweg, merkt, wie die eigene Reizschwelle langsam steigt. Netter wird man dadurch nicht zwangsläufig, stabiler schon.

Manche kommen über ein Buch zu diesem Thema, andere direkt über einen bezahlten Kurs – beide Wege haben in meinem Laden ihre Berechtigung, auch wenn ich Letzteres öfter empfehle, wenn jemand wirklich dranbleiben will. Nicht jedes Format passt zu jeder Lebenslage: Wer wenig Zeit hat oder gerade beruflich am Limit ist, sollte kein Format wählen, das enge wöchentliche Live-Termine voraussetzt. In einem früheren Artikel bin ich bereits darauf eingegangen, wie spirituelles Wachstum im Beruf durch gezielte Impulse gelingen kann – Drachenenergie ist die körperlichere, direktere Schwester davon.
Wem hilft Drachenenergie nicht?
Nicht jede Kundin, die vor meinem Regal steht, sollte zu diesen Übungen greifen. Wer gerade in einer akuten Krise steckt oder zu starken Stimmungsschwankungen neigt, dem rate ich davon ab – die Energie ist konfrontativ, fast feurig, und das ist in einer instabilen Phase selten hilfreich. Für solche Situationen verweise ich lieber auf eine Meditation gegen Überforderung, die auf sanftes Loslassen setzt statt auf Konfrontation. Auch wer nur eine schnelle Beruhigung sucht, ohne sich mit unbequemen Gefühlen auseinandersetzen zu wollen, ist bei Drachenenergie an der falschen Adresse – dafür gibt es sanftere Formate.
Angelika Voss, die einen Online-Shop für Klanginstrumente und Meditationszubehör betreibt und regelmäßig zu unseren Lesekreis-Abenden vorbeischaut, bringt es auf den Punkt: Sie empfiehlt nie einen Kurs, ohne vorher zu fragen, wofür die Person ihn eigentlich braucht. Genau das versuche ich auch – ein pauschales 'Der Kurs ist gut' hilft niemandem, wenn die Lebenslage nicht dazu passt.
Die Hände blieben ruhig
Manchmal laufe ich in der Mittagspause hinüber zum Englischen Garten, in die Nähe vom Chinesischen Turm, wenn im Laden kurz Ruhe einkehrt. Dort, zwischen den Bäumen, wiederhole ich die Erdungsvisualisierung aus den Kursen – ohne Publikum, ohne Kundinnen, nur für mich.
Um die fünfte Woche herum passierte etwas, das ich nicht geplant hatte. Ich räumte gerade die neue Lieferung ein, der Paketbote stand noch in der Tür, und gleichzeitig wartete eine Kundin mit einer Frage zu einem Kartendeck – normalerweise genau die Art von Chaos, bei der meine Hände anfangen zu zittern. Diesmal blieben sie einfach ruhig, während ich die Bücher sortierte, dem Boten unterschrieb und der Kundin antwortete. Kein Wackeln, kein hastiges Abarbeiten. Als ich später ein frisch geliefertes Kartendeck aus seiner Cellophanfolie löste, hörte ich das leise Knistern und dachte: genau das ist der Unterschied.
Wenn ich eine Sache aus den letzten Jahren mitnehme, dann diese: Erdung zeigt sich nicht in ruhigen Momenten, sondern genau dann, wenn drei Dinge gleichzeitig auf einen einprasseln. Ob es Drachen sind oder einfach eine sehr wirksame Form von Selbstregulation, ist für mich zweitrangig. Wichtig ist, dass die Hände ruhig bleiben, wenn es darauf ankommt.